SUPERNATURAL

Offscreen Paris, 2023

Faces as masks as grids – Katja Stuke’s series Supernatural
»Katja Stuke’s photographic faces of high-performance female athletes from the series Supernatural take their starting point in the early 2000s. Photographed from television screens during the competition broadcasts of the Olympic Games in Sydney (2000), Athens (2004), Beijing (2008), London (2012), Rio (2016), Pyeongchang (2018), they bear the technical signature of an era before our age of super high-definition. Reframed to the vertical format and rasterized through the surface of the screen, they acquire a peculiarly hybrid status between portrait and cinematographic close-up, and in their uncanny stillness pose the question of the human remnant of the image-formed face.
Immersed in total concentration, clearly aware of the decisive moment of their sportswomen’s lives, these faces unfold the peculiar aura of our medial age: they are close to us and yet so far away, they are pure medial surface, grid-pattern, and as individuals behind it as hidden as behind the mesh of the fencer’s mask. In contrast to the cinema screen, the close-up is frozen here, the expressive and emotional potential of the face set to zero, in perfect mastery they have become more like machines than human – supernatural«. Florian Ebner

exhibited at:
2025 ParisPhoto, Düsseldorf and Photography
2024 Festival Images Vevey
2023 OFFTRACKS at OFFSCREEN Paris, fair
2023 Donggang International Photography festival
2021 »Paris Photo Days« [G] Fiminco Foundation Paris
2018 »Questioning Photography Now« [G] GCA Chongqing
2018 »The Family of no Man« Cosmos, Rencontres d’Arles
2016 »ConteS/Xting Sport« nGbK Berlin
2014 »DIE GROSSE« [G] Museum Kunstpalast Düsseldorf
2014 Künstlervereinigung Linz
2013 »Spectator Sports« [G] MoCP Chicago
2012 »Zeitgespenster« [G] Museum Morsbroich
»Der Mensch und seine Objekte« [G] Folkwang Museum
2010 »Supernatural« Loris Berlin
2010 »Supernatural« Raum Fünf, Düsseldorf
2007 Die photographische Sammlung @ Art Cologne [G]
2003 Aenne Biermann Preis [G] Museum Angew. Kunst Gera

»The Crown Letter Project« [G] Fondation Fiminco, Paris

Images Vevey, Biennale of Visual Arts, Sept 7 – 29, 2024

stuke_supernatural_ngbk2016 »ConteS/Xting Sport« nGbK Berlin

2013 Museum of Contemporary Photography, Chicago

The portraits of artistic athletes and high divers were taken during the Olympic Games in Sydney (2000), Athens (2004), Beijing (2008) and London (2012) photographed from a television screen. The singular Olympic Games idea, the particular competition situation directly before the decisive sporting performance, the moment of concetration and the question of the identity and development of girls and women plays a key role in this photographic work. (MoCP 2013)

2007 Die photographische Sammlung Cologne, Art Cologne [G]
2019 Kunsthalle Giessen »Katja Stuke, Oliver Sieber Sequence as a Dialogue«
2014 »DIE GROSSE« [G] Museum Kunstpalast Düsseldorf

2018 Cosmos, Rencontres d’Arles


Katja Stuke, Supernatural
artist book, 2010
offset-print

28 pages, 28 x 35 cm
Ed. #150 numbered and signed

Katja Stuke, Supernatural 2021
artist book, 2021
digital offset-print

36 pages, with 20 colour plates
32 x 45,5 cm, digital print
#150 copies, published by Böhm Kobayashi
EUR 18,– plus shipping

Irgendwo auf der Welt ein Zimmer, ein Fernseher, eine Kamera, ein Stativ. Die Serie SUPERNATURAL entstand während der Olympischen Spiele von Sydney (2000), Athen (2004), Peking (2008) und wird voraussichtlich auch in London 2012 ihre Fortsetzung finden.
Katja Stuke porträtiert darin Kunstturnerinnen und Turmspringer- und Springerinnen, die sie teilweise live oder als Standbild vom Fernsehbildschirm abfotografiert. Dabei überführt sie die Semiotik des Fernsehbilds in die Parameter der Porträtaufnahme, indem sie in einem zweiten selektiven Arbeitsschritt den Bildausschnitt im Hochformat bestimmt und die Senderkennung im Bild wie auch das Publikum zugunsten eines kontrastreichen farbigem Hintergrunds ausschließt. So wird auf jede Markierung, welche auf ein Fernsehbild hinweisen und welche Aufschluss über Zeit, Ort und Inhalt des Dargestellten vermitteln würde, verzichtet und so die Aufmerksamkeit auf das Antlitz fokussiert.

Katja Stukes SUPERNATURALS sind im Namen des Sports ihrer Natürlichkeit beraubte Menschen. Sie müssen zuerst die sexuelle Reife und später das Altern unterdrücken, woraus eine eigentümliche Androgynität erwächst. Als Olympioniken haben sie keine Möglichkeit einen Individualisierungsprozess auszuleben. Persönlichkeit und Privatleben müssen sich dem Training und der Karriere unterordnen. Ein solcher Mensch wird nach keinen Kriterien außer seinen Höchstleistungen wahrgenommen. Katja Stukes an der Dramaturgie von Hichcocks Suspense geschulter Blick richtet das Hauptaugenmerk weg vom Spektakel hin zur Person.

Sie verzichtet auf die Darstellungsmodi, die den Sportler im emotionalen Moment von Sieg und Niederlage oder in Bewegung einfängt, stattdessen wartet sie eine Frontalaufnahme im Zoom ab. Statt sportlicher Action sucht sie den einen, hoch verdichteten Moment der Konzentration und Anspannung in den Gesichtern der Sportler und Sportlerinnen ein paar Sekunden vor der eigentlichen Wettkampfdarbietung, in der dann es um Alles oder Nichts geht.

Obwohl die entstehenden Fotografien ein Format von 80 x 100 cm aufweisen und sich der Betrachter Face to Face mit einem monumentalisierten Gesicht konfrontiert sieht, bleiben die darauf gezeigten Menschen anonym. Das mag an den beim Massenpublikum weniger populären Disziplinen Turnen und Turmspringen liegen und daran, dass keiner der Dargestellten je die Medienpräsenz oder den Starstatus beispielsweise eines Zinedine Zidane erfahren hat.

Die einzige je zur Ikone des Olympischen Turnens aufgestiegene Nadia Comaneci, die bei den Spielen von Montreal 1976 mit nur 14 Jahren sensationelle 5 Goldmedaillen holte, ist denen wie Katja Stuke 1968 geborenen noch aus dem Fernsehen, der Bravo und dem Stern bekannt. Ihr dünnes blasses Mädchengesicht, unvorteilhaft geschminkt und frisiert, wurde konstituierend für unsere Vorstellung der Leistungsturnerin aus dem Ostblock. Ganz sicher ist es aber auch Katja Stukes Blick, der sich dem fast schon intimen Moment des Sich Sammelns stets diskret und ohne jede Art von Voyeurismus nähert.

Neben dem Individuum sucht Katja Stuke aber auch den übergeordnete Typus oder einer überblicksartigen Erfassung, worauf der seriell-konzeptuelle Ansatz der SUPERNATURALS ausgelegt ist. Mit diesem minimalen und dennoch präsenten künstlerischen Eingriff baut sie, genau wie in ihrer Serie SUITS, in der sie Männer in Anzügen unbemerkt auf der Straße fotografiert und diese mit aus Filmen extrahierten Bildern von Anzugträgern methodisch vereint und vergleichend nebeneinanderstellt, ihre individuelle Bildsprache mit Wiedererkennungswert auf. Die Street Photography erlaubt die unverfälschte Momentaufnahme des Menschen, der sich der Kamera nicht bewusst ist. Susan Sontag betonte in „Über Fotografie“: „Die Gesichter von Menschen, die nicht wissen, dass sie beobachtet werden, haben etwas an sich, das verschwindet, sobald sich diese Menschen beobachtet fühlen“.

Die von Katja Stuke gewählte Frontalaufnahme widerspricht der konventionellen Darstellung des Vertieftsseins, wie auch ihre Herangehensweise mit Fernsehbildern zu arbeiten die komplexe Dynamik der Porträtfotografie von Modell, Kamera und Betrachter neu auslotet.

Gleichwohl ist Katja Stukes Arbeit nicht mit den betont sachlichen, das Genre Porträt und die Autorenschaft des Fotografen verweigern Bilder von Thomas Ruff zu vergleichen. Wollte man Ruffs Herangehensweise bildwissenschaftlich nennen, so müsste man bei Katja Stuke von medienwissenschaftlich sprechen. Mitte der 1960er Jahre sagte Marshall McLuhan voraus, dass die erste Generation, die mit den Massenmedien aufwächst, die Welt verändern werde. So ist es nur natürlich, dass sich die Fotokünstlerin Katja Stuke sich der Fotografie auch Fernsehen und Video als Material und Objekt ihrer künstlerischen Praxis aneignet. Im ihrem Abfotografieren eines bereits medial aufbereiteten Bildes findet eine Brechung und ein transformatorischer Prozess statt. Die Künstlerin kanalisiert den kollektiven, massenhaften Sehakt, der die Live-Fernsehübertragung der Olympischen Spiele zur Popkultur werden lässt. Sie untersucht das Spektakel, verweigert sich ihm aber um daraus eine neue Bild- und Betrachtungsform zu generieren.

Zum einen ist ihre Kameraästhetik abhängig von einem Studioregisseur, der live und blitzschnell aus wahrscheinlich 5 oder mehr Bildern von Kameras auf unterschiedlichen Positionen die Übertragung choreographiert. Die Fernsehsendung liefert ihr jedoch auch die Möglichkeit des Close-Ups, eine Perspektive, die ihr als Zuschauerin vor Ort mit bloßem Auge nicht zur Verfügung stünde. Während die Fernsehübertragung für ein Massenpublikum gedacht war, richten sich die SUPERNATURALS aber an einen Einzelbetrachter und oszillieren einmal mehr zwischen Nähe und Distanz.

Das noch leicht wahrnehmbare Flimmern des Fernseh-Rasters fällt in Katja Stukes Fotografien je nach Übertragungstechnik in unterschiedlich stark farbigen vertikalen Streifen aus, was den Porträts eine eigentümlich irisierende Aura verleiht. Das Fernsehbild, um noch einmal die theoretischen Überlegungen McLuhans miteinzubeziehen, ist mehr mit als einer Million Daten pro Sekunde ein Mosaik aus Punkten und keineswegs ein Still Shot oder Foto. Der Bildabtaster zeichnet eine Kontur, die nicht durch darauffallendes Licht (wie im Falle der Fotografie) erscheint, sondern durch aus dem Bildschirm heraus leuchtendem Licht, was dem Dargestellten die Qualität einer Skulptur oder einer Ikone verleiht.

Katja Stukes Blick liegt auf der medialen Darstellung von Sportveranstaltungen, in der, einer ganz eigenen Dramaturgie folgend, Sportler und ihre Leistungen in Besitz genommen, überhöht und angebetet werden. Bereits im antiken Griechenland wurde Gymnastik als die perfekte Verbindung von Geist und Körper gedeutet und Sport als Metapher für das Lebens gesehen. Turnen und Turmspringen sind in ihrer Ausführung hochästhetisierte Darbietungen, ähnlich dem traditionell-japanischen Bogenschießen Kyudo, das ein ungewohntes Maß an Disziplin, Aufmerksamkeit und innerer Ruhe zum Erreichen der kunstvollen Darstellung und Ausstrahlung verlangt und das durch den vergeistigten Moment der Konzentration zu einer spirituellen Übung gerät. (Anke Volkmer, Julia Stoscheck Collection 2010)


Katalog Zeitgespenster
Vanessa Joan Müller


Die Serie Supernatural, in der Katja Stuke (geboren 1968, lebt in Düsseldorf) Kunstturnerinnen und Turmspringer/innen porträtiert, entstand während der Olympischen Spiele von Sydney (2000), Athen (2004), Peking (2008) und London (2012). Die Bilder sind abfotografierte Standbilder von Fernsehübertragungen, die in einen hochformatigen Bildausschnitt überführt wurden. Senderkennung und das anwesende Publikum sind ausgeblendet, so dass alle Verweise auf das Fernsehbild sowie dessen zeitliche und räumliche Kontextualisierung in den ganz auf das Gesicht der Sportler fokussierten Bildern fehlen. Lediglich das Flimmern des gerasterten Fernsehbildes hat in unterschiedlich starken farbigen Streifen seine Spuren hinterlassen, was den Porträts jenseits ihres medialen Ursprungs eine eigentümlich entrückte Aura verleiht.

Die Nahaufnahmen der Fernsehkameras, die festhalten, was dem Zuschauer der Wettkämpfe vor Ort verwehrt bleibt, konzentrieren sich auf die Anspannung in der Mimik der Athleten wenige Sekunden vor ihrem Einsatz. Auf die Gesichter gerichtet, als ob hier Zeichen bevorstehender Erfolge oder Niederlagen bereits zu erahnen seien, hält die an die Sportler/innen heranzoomende Kamera jede Regung fest. In Katja Stukes Porträts fehlt jedoch das Vorher und Nachher einer solchen linear in der Zeit sich entfaltenden Entwicklung.

Hier gibt es nur die reine Präsenz des Bildes, in dem sich die Entrückung der Dargestellten verdichtet. Gerade die visuelle Nähe erzeugt deshalb eine eigenartige Distanz gegenüber den Frauen und Männern, von deren sportlicher Leistung wir nichts erfahren.

Letztlich präsentieren sich die Supernaturals, wie der Titel der Serie suggeriert, als überirdische Wesen und Produkt einer televisuellen Parallelwek, in der die Wirklichkeit des Spitzensports auf wenige Chiffren reduziert ist. Denn natürlich geht es bei diesen Bildern vor allem um die tendenziell androgyne Ausstrahlung dieser Sportler und Sportlerinnen, ihren uniformen Look und das Bemühen, den grazilen Körpern die Anstrengung nicht anmerken zu lassen. Im einheitlichen Format von 106 x 86 cm präsentiert, drängt sich ein vergleichender Blick auf die verschiedenen Porträts auf, bei denen nicht das Individuum im Zentrum steht, sondern ein bestimmter Typus. Darin ähneln diese Olympia-Aufnahmen Katja Stukes Serie Suits, die Anzug tragende Männer porträtiert und unterschiedliche, in diesem Fall unbemerkt auf der Straße aufgenommene und aus verschiedenen Film- und TV-Formaten extrahierte Bilder kombiniert. Doch während Suits fiktive Inszenierung und den Alltag prägende Konventionen von Kleidung und Habitus vergleichend nebeneinander stellt, fehlt bei den Supenaturals das Reale, denn diese sind schon von sich aus mediale, für den Blick der Kamera aufbereitete Inszenierungen.

Trotz dieser medialen Verankerung findet im Abfotografieren der Fernsehbilder noch eine weitere wesentliche Transformation statt. Die isolierte, ihres Kontextes beraubte Großaufnahme ikonisiert die Sportler/innen und verweist in ihrer visuellen Überhöhung auf die Tatsache, dass man paradoxerweise niemanden von ihnen wirklich kennt. Im Gegensatz zu den Sportstars etwa der Leichtathletik bleiben die Turnerinnen und Turmspringer/innen anonyme Repräsentanten ihrer Disziplin. Sie strahlen eine irreale Schönheit aus, eine vergeistigte Präsenz, die sie wirken lässt als seien sie nicht von dieser Welt. In Stukes Bildern sind sie Produkte global verbreiteter Datenströme und keine Wesen aus Fleisch und Blut.
Sie leuchten im Licht des Monitors, bevor ihr Einsatz beginnt, und bleiben in diesem, zur Ikone verdichtet, auf ewig konserviert. Vanessa Joan Müller